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Bilder und Texte

Fotos vom dritten Tag des Wirtschaftsjournalismus am 25. März 2009 finden Sie hier . Den Tagungsbericht können Sie hier lesen.

Film

„Krise, Wirtschaft, Medien“ – Darüber sprach Helmut Schmidt auf dem dritten Tag des Wirtschaftsjournalismus am 25. März 2009 mit Christoph Keese (Axel Springer AG) und der Kölner Journalistenschülerin Linda Wurster. Den Film über dieses Gespräch können Sie als Flash Movie hier: Film Flash ansehen.

Medienmagazin

Dritter Tag der Wirtschaftsjournalismus

Die Krise und ihre Folgen -
Was können Journalisten daraus lernen?

TAGUNGSBERICHT

Lehren aus der Finanzmarktkrise
American financial journalists: What did we know and when did we know it?
Podiumsdiskussion:  „Guter Rat ist teuer – Hat der Nutzwertjournalismus versagt?“
"Die neuen Redaktionsmodelle - Umbau oder Abbau?" 
Bemerkungen zur Kultur der Krise
Wirtschaft, Krise, Medien – Helmut Schmidt im Gespräch

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Der dritte „Tag des Wirtschaftsjournalismus“ in Köln stand am 25. März 2009 ganz im Zeichen der Finanz- und Wirtschaftskrise. „Die Krise und ihre Folgen – was können Journalisten daraus lernen?“, so der Titel der Veranstaltung. „ Wir wissen, dass das nicht besonders originell ist“, sagte Ingeborg Hilgert, geschäftsführende Direktorin der Kölner Journalistenschule, in ihrer Begrüßung. Zumindest habe man sich aber bei der Themenfestlegung im September vergangenen Jahres sicher sein können, dass das Thema auch im März noch aktuell sein würde.

Allerdings solle es bei der Veranstaltung nicht um „die Krise allgemein“ gehen, über die man inzwischen manchmal mehr gelesen habe, als einen eigentlich interessiere, so Hilgert – etwa wo Sarah Wagenknecht gewesen sei, als Lehman Brothers Pleite ging. Im Mittelpunkt sollte die Frage nach der Rolle der Wirtschaftsjournalisten stehen. „Wann haben sie erkannt, welche Wucht die Krise entfaltet? Wie fundiert über die Krise berichtet?“, fragte Hilgert. Und was könnten Wirtschaftsjournalisten daraus für die Zukunft lernen? Was müsse sich am Wirtschaftsjournalismus vielleicht sogar ändern?

Und weil Wirtschaftsjournalisten nicht nur über die Krise berichten, sondern über die Krise etablierter Verlagshäuser auch direkt betroffen sind, solle dieses Thema am Nachmittag im Mittelpunkt stehen, kündigte Hilgert an.

Die Tagesmoderation lag bei Holger Beckmann, Westdeutscher Rundfunk, Programmgruppe Zeitgeschehen

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Lehren aus der Finanzmarktkrise
Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank


Den Anfang machte mit Klaus-Peter Müller, früherer Chef und heutiger Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank, ein Redner, der die Finanzmarktkrise sehr direkt miterlebt hat und gleich einmal feststellte, dass er „der einzige Nicht-Medienvertreter auf der Referentenliste“ sei. Und er versuchte schon zu Beginn, die Erwartungen zu dämpfen. Zur Frage, welche Lehren die Banken aus der Krise ziehen, habe er „keine richtig neuen Knaller mitgebracht“, so Müller. Doch einige offene Worte sollten am Ende doch dabei sein.

Müller betonte, dass das Thema „außerordentlich komplex und schwer zu erklären“ sei. Kaum jemand habe vor einigen Monaten Begriffe wie „Asset Backed Securities“ gekannt, die aber notwendig seien, um die Krise heute verstehen zu können. Er räumte ein, dass die Banker sich bemühen müssten, nicht nur Fakten zu erklären, sondern auch „verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen“. Gleichzeitig verwies er aber auf eine Umfrage des Bundesverbands deutscher Banken, nach der die Befragten angaben, Vertrauen in Banken eingebüßt zu haben. „Damit haben wir gerechnet“, so Müller. Doch ein anderes Ergebnis der Umfrage sei gewesen, dass die Bürger ihrer eigenen Bank weiterhin das Vertrauen aussprächen. Eine „gewisse Schizophrenie “ sah Müller darin.

Der frühere Commerzbank-Vorstandschef lobte die Medien für ihre Berichterstattung in der Krise, vor allem für ihren „Verzicht auf Panik auslösende Schlagzeilen, wodurch Leute vor die Banken getrieben worden“ wären. Es sei häufig eine „sachgerechte und informative Berichterstattung“ geleistet worden, lobte Müller. Es sei schließlich auch eine Tatsache, dass nicht alle 680.000 Beschäftigten in der deutschen Kreditwirtschaft korrupt, dumm oder gierig seien.

Ein Ende der aktuellen Krise wollte der Banker nicht sehen, die jüngsten Meldungen blieben beunruhigend: Der deutsche Export bricht ein wie seit 60 Jahren nicht mehr, die Arbeitslosigkeit in den USA ist so hoch wie zuletzt vor 25 Jahren und die Japaner exportierten im Februar 50 Prozent weniger Waren. Aus diesen Gründen habe sich „die Commerzbank aus der Deckung gewagt“ und nun ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt von sechs bis sieben Prozent vorhergesagt. „Vor drei Monaten hätten wir uns das nicht getraut“, räumte Müller ein, der von der „größten Wirtschaftskrise rund um den Globus seit den 1930er Jahren“ sprach.

Er warnte davor, „zweifellos vorhandene erste Lichtblicke“ überzubewerten. So müsse Daimler für eine Unternehmensanleihe 680 Basispunkte Aufpreis gegenüber deutschen Staatsanleihen zahlen, der gesunde Energiekonzern E.on immerhin noch 200 Basispunkte. „Von Normalität sind wir da noch weit entfernt“, sagte Müller.

Inzwischen seien die Bilanzen der Kreditinstitute nicht nur durch die sogenannten „toxischen Wertpapiere“ vom US-Hypothekenmarkt massiv belastet, auch Staatsanleihen aus dem Euroraum gehörten inzwischen dazu. So rechnete Müller vor, dass der Bund derzeit für zehnjährige Bundesanleihen einen Nominalzins von drei Prozent bezahle. Das werde vom Markt akzeptiert. Italien müsse für dasselbe Papier einen Kursabschlag von 15 Prozent gewähren. In Griechenland sei es „noch negativer“, auch Spanien und Portugal seien unter Druck. Eine Bank, die eine Milliarde italienische Anleihen in den Büchern habe – ursprünglich als sichere Anlage, um eigentlich riskante Geschäfte abzusichern – müsste plötzlich 15 Prozent Kursverlust als Wertberichtigung vornehmen, das seien immerhin 150 Millionen Euro.

Müller hob hervor, dass es in Deutschland keine Kreditklemme gebe: „Noch nicht, sollte ich vorsichtshalber sagen.“ Das Volumen der Unternehmenskredite habe zuletzt um 7,6 Prozent über dem Vorjahr gelegen. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages habe ergeben, dass nur zwei Prozent der Firmen über Kreditablehnungen klagten. „Richtig ist aber: Wenn selbst Daimler einen hohen Aufschlag zahlen muss, dann werden auch für Mittelständler die Kredite teurer“, so der Commerzbank-Chefkontrolleur.

Als Ursachen der Krise machte Müller die bekannten Fehler der Vergangenheit aus: Eine zu freizügige Kreditvergabe in den USA, die „zu hohe Komplexität von Verbriefungsstrukturen“ sowie ein fatales Vertrauen in die Rating-Agenturen und eine überforderte Finanzmarktaufsicht. Und es sei ein Fehler gewesen, dass die Investmentbank Lehman Brothers nicht gerettet worden sei. Aber auch die Banken selbst entließ Müller nicht aus der Verantwortung. Es habe unzureichende Risikokontrollsysteme gegeben und auch die Commerzbank habe den US-Immobilienmarkt nicht so genau beobachtet, wie es nötig gewesen wäre. „Man darf nicht vergessen: Deutsche Banken wurden nicht mit Waffengewalt gezwungen, Subprime-Papiere zu kaufen“, so Müller.

Für die Zukunft forderte Müller keine verschärften Finanzmarktregeln, da Banken längst sehr streng reguliert würden. Aber das Regelwerk müsse besser ausgestaltet werden und vor allem für alle anderen Finanzmarktteilnehmer wie Hedge-Fonds auch gelten. Die Branche müsse ihr Risikomanagement verbessern, die Rating-Agenturen stärker kontrolliert werden. Wichtig sei eine intensivere Zusammenarbeit der nationalen Finanzaufsichten, Ziel müsse „ein einheitliches europäisches System wie bei den Zentralbanken sein“, so Müller. Und schließlich sollte auch die Arbeit in den Aufsichtsräten verbessert werden, damit dort die Tätigkeit der Vorstände kritischer begleitet werden könne. Dazu sollten mehr Ausländer mit Erfahrung und auch deutlich mehr Frauen – deren Anteil derzeit nur bei acht bis elf Prozent liege – eingebunden werden.

Allerdings warnte Müller vor zu viel Optimismus, dass danach alles gut werde. „Die nächste Krise wird vermutlich keine Ähnlichkeit mit dieser Krise haben“, gab Müller zu bedenken. Daher könnten Verbesserungen in Strukturen und Risikomodellen, die eine Krise wie die heutige verhindert hätten, möglicherweise dann gar nicht greifen. Müller: „Bankgeschäft ohne Risiko hat es nicht gegeben, kann es nicht geben und wird es nicht geben.“

In der anschließenden Diskussion räumte Müller ein, dass es – ähnlich wie in den USA vor der Krise - in Deutschland weiterhin Banken gebe, die riskantes Kreditgeschäft auf Kosten der Kunden betrieben. So würde Kunden, die zum Beispiel einen Kredit von 30.000 auf 60.000 Euro aufstocken wollten, einfach ein komplett neuer Kredit über 60.000 Euro verkauft, wodurch höhere neue Gebühren anfielen. „Ich finde es auch unverantwortlich, wenn Kredite so gegeben werden, dass zum Beispiel der Wegfall von Überstunden beim Kreditnehmer bereits zu Problemen bei der Bedienung der Raten führt “, so Müller. Die Banken sollten solche „hemdsärmeligen Methoden zusammen mit den Verbraucherschützern kritisch öffentlich aufgreifen“. Es habe in der Vergangenheit auch Banken gegeben, bei denen Angestellte hohe Provisionen für den Verkauf bestimmter Fonds bekommen hätten: „Das war in einigen Häusern ein großer Teil der Gehaltsbestandteile.“ Er erwarte aber, dass eine Änderung, die im Ermessen der einzelnen Häuser liege, eintreten werde. „Das hat am Markt keine Zukunft“, so Müller. Er habe allerdings „keine Erkenntnisse“, dass es bei Rating-Agenturen Korruption gegeben habe, „das waren Interessenkonflikte“.

Die Erklärung, die Finanzmärkte seien eben so kompliziert, dass das niemand mehr verstehen könne, „ist mir zu einfach als Ausrede“, betonte Müller. Er forderte gleichzeitig, zu einfacheren Produkten zurückzukehren, die man den Leuten wieder erklären könne.

Auf Nachfrage räumte Müller auch eigene Fehler ein: „Natürlich habe ich persönlich Fehler gemacht“, sagte er. So habe er Ende August, als die Commerzbank die Dresdner Bank gekauft habe, nicht geglaubt, dass es zur Pleite einer systemrelevanten Bank wie Lehman Brothers kommen könne. „Ich habe noch am 13. September geglaubt, dass Lehman nicht Pleite gehen kann“, sagte Müller. Die Commerzbank habe unter seiner Leitung bei einer Bilanzsumme von 600 Milliarden Euro für 1,2 Milliarden Euro Subprime-Papiere gehalten. „Das war nicht übermäßig viel, aber dennoch so viel, dass wir den Privatimmobilienmarkt in den USA besser hätten verfolgen müssen“, gestand Müller ein. Als man das Geschäft im September 2006 eingestellt habe, sei das „zu spät“ gewesen.

Selbst bei der konkreten Frage, ob die Dresdner Bank noch vor der Übernahme durch die Commerzbank Pleite gegangen wäre, wenn der US-Versicherungsriese AIG nicht Milliarden an die Bank zurückgezahlt hätte, drückte sich Müller nicht gänzlich um eine Antwort. Bei zwölf Milliarden Euro Eigenkapital hätte der Ausfall von 2,6 Milliarden Euro an Krediten zu einem „riesigen Blutverlust geführt“. Ob es bei einem Totalausfall der Rückzahlung zur Pleite gekommen wäre, „das sei einmal dahingestellt“, so Müller vorsichtig.

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American financial journalists: What did we know and when did we know it?
Greg Ip, US-Wirtschaftskorrespondent, The Economist


Nach dem Banker sprach mit Greg Ip ein US-Wirtschaftsjournalist „aus der amerikanischen Perspektive“, wie er betonte. Seit langem gebe es immer wieder den Vorwurf, die Journalisten hätten längst gewusst, was die Banken taten, bevor die Krise offensichtlich wurde. Sie hätten aber dennoch geschwiegen. Dem widersprach Ip vehement: „Wir wussten vorher nicht, was schief gelaufen ist.“ Deshalb sei die eigentliche Frage: „Warum wussten wir es nicht?“

Er und seine Kollegen hätten Artikel über Hedge-Fonds geschrieben, über Private Equity und vieles andere, aber all dies sei „nicht Ursache der Krise“ gewesen. Auch deshalb nicht, weil es keine einfache Ursache gebe. „Die Krise ist das Zusammentreffen von vielen Faktoren in einer nicht vorhersehbaren Art und Weise“, so Ip.

Er widersprach auch der Meinung, es habe keine Warnungen geben – und zeigte einige Schlagzeilen zu dem Thema. So habe das „Wallstreet Journal“ bereits am 18. Januar 2005 über „The Housing Markets Danger“ geschrieben, der „Economist“ dem Thema 2003 eine Titelgeschichte gewidmet. Und noch ein Jahr zuvor habe dort in einem Text gestanden, dass die Hauspreise „nicht ewig steigen können“. Bereits im Jahr 2000 hätten Journalisten berichtet, welche Größe die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac angenommen hätten, wodurch sie so wichtig seien, dass es zu einer vom Steuerzahler finanzierten Stützung kommen könne. Und Alan Greenspan habe gewarnt, dass die Verschuldung der Verbraucher zu einem Konsumrückgang und einer globalen Rezession führen könne. Das sei 1954 gewesen.

An Warnungen habe es also nicht gefehlt, aber vielleicht am Glauben. Denn die Journalisten glaubten zwar, dass nicht alle Banker gut seien, so Ip, aber zugleich gingen sie auch davon aus, dass diese an eigenen Interessen orientiert seien. „Wir hätten nicht geglaubt, dass sie selbstmordgefährdet sind“, so Ip. Doch die Finanzkrise habe dazu geführt, dass Banken Pleite gingen und viele Banker ihren Job verloren hätten. Weil die Banken nicht unbeschadet aus der Krise hervorgegangen sind, sei es auch „nicht glaubwürdig“, dass die Banken selbst im Voraus etwas wussten, aber keiner etwas gesagt habe.

Das Problem an den Warnungen vor möglichen Krisen sei aber nun mal, dass es um Vorhersagen gehe, die „nicht zu beweisen sind“. Und wer zu oft vor einer Krise warne, die dann aber in den kommenden Wochen und Monaten nicht eintrete, der laufe Gefahr, dass man ihm einfach nicht mehr zuhöre. So seien eben einige gute Geschichten geschrieben worden, „aber wenn die Blase noch nicht geplatzt ist, dann gibt es keine Aufregung und damit keine Follow-up-Geschichten“, so Ip: „Und dann war es das.“

Ip stellte auch die Frage, ob das stetige Warnen vor einer Krise die Aufgabe der Journalisten sei. Die Leser würden Journalisten dafür bezahlen, „damit wir Nachrichten produzieren, die nützlich für sie sind“ - im Sinne von: Soll man die Geschäftsgelegenheit nutzen oder nicht? Dazu sollen „uns interessante Leute interessante Sachen sagen“, so Ip. Der Leser wolle sich dann selbst seine eigene Meinung bilden.

Ein Problem sei, dass bei Themen oftmals „Tausende von Journalisten losziehen, um dieselbe Geschichte zu machen“. Ziel dabei sei es dann, der erste zu sein, der etwas Neues berichtet. Gleichzeitig fehle dadurch die Zeit, bei anderen Themen tiefer zu bohren. Derzeit werde so viel und gut über die Krise und ihre Ursachen berichtet, wobei allerdings zu häufig nach einzelnen verantwortlichen Personen gesucht werde. „Ich mache mir aber Sorgen, dass wir nicht genug Zeit damit verbringen zu fragen, welche der jetzigen Exzesse bei den Konjunkturprogrammen führen zur nächsten Krise?“, so Ip.

Von den Wirtschaftsjournalisten forderte Ip, sich auf einer wöchentlichen oder monatlichen Basis zu fragen, was man besser machen könne. Zugleich verlangte er, sich besser auszukennen in den Themen, über die berichtet wird. Gerade rund um die Finanzmärkte gebe es nur wenige Leute, die sich damit wirklich auskennen würden, „und die arbeiten für die dort tätigen Firmen“. So müsse man vertrauenswürdige Leute finden – etwa auch in Blogs im Internet –, um auf Themen zu stoßen. Oder man müsse sich eben selbst schlau machen, forderte Ip. Er habe sieben Jahre gebraucht, um zu verstehen, wie die US-Notenbank Fed arbeite. „Verleger und Leser müssen Geduld haben und die Ressourcen zur Verfügung stellen“, so Ip. Journalisten dürften nicht nur den Experten trauen, sondern sie müssten selbst Experten werden.

Einen ganz konkreten Vorschlag hatte Ip auch noch. In den USA würden im Dezember in vielen Zeitungen sehr lange, sehr gut recherchierte Artikel veröffentlicht – weil der bedeutende Pulitzer-Preis nur für Texte vergeben wird, die in dem Jahr erschienen sind. So habe eine Zeitung aus New Orleans den Preis für ihre Berichterstattung über den Hurrikan „Kathrina“ bekommen. Doch bereits drei Jahre davor habe die Zeitung in einem Text gewarnt, welche Folgen ein Hurrikan für die Stadt haben könne – dafür habe es keinen Preis gegeben, obwohl der Text eigentlich viel wichtiger gewesen sei. Ip empfahl eine Änderung der Regeln für Preisvergaben: „Man sollte einen Preis nur für einen Text bekommen können, der nicht im vergangenen Jahr erschienen ist.“

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Podiumsdiskussion:  „Guter Rat ist teuer – Hat der Nutzwertjournalismus versagt?“

Nicht nur Finanz- und Wirtschaftsjournalisten müssen sich viel Kritik anhören, weil sie die Krise nicht vorhergesehen haben. Auch die Journalisten, die Anlegern direkte Ratschläge geben, die sogenannten Nutzwertjournalisten, beziehen häufig Schelte. Ob es tatsächlich ein Versagen gegeben hat und wie Nutzwertjournalismus in der Krise aussehen könnte, darum drehte sich die abschließende Podiumsrunde am Vormittag, die von Dr. Ursula Weidenfeld, Kolumnistin des „Tagesspiegel“, moderiert wurde.

Werner Zedler, Chefredakteur der Zeitschrift "Guter Rat", stellte tatsächlich sich selbst die Frage: „Was soll man denn noch raten?“. Zum einen hätte sich die Branche in der Vergangenheit vielleicht „doch ein bisschen vergaloppiert“, zum anderen sei das Geschäft derzeit einfach „ziemlich langweilig“. Es gebe immer weniger wirklich sichere Anlagen und von den spannenden Produkten wolle der Leser derzeit zu Recht nichts wissen.
Allerdings treffe die Branchenkritik den „Guten Rat“ selbst nicht, da man immer „auf sichere Geldanlagen Wert gelegt“ habe. „Wir haben zum Beispiel den Zertifikate-Zirkus nicht mitgemacht“, betonte Zedler. Alle Anlegemagazine unterlägen dagegen dem Geburtsfehler, dass versprochen werde, man könne in kürzester Zeit viel Geld machen.

Alexander Hagelüken, leitender Redakteur Finanzen bei der „Süddeutsche Zeitung“, räumte ein, es sei schwieriger geworden, über Geldanlage zu berichten. „Wir sind auch vorsichtiger geworden“, so Hagelüken. Man selbst sei aber anders als etwa „Focus Money“ nicht so im Zwang, mit Schlagzeilen wie „Verdoppeln Sie Ihr Geld!“ um Leser werben müssen. Es sei auch „Geist der Süddeutschen“, nie zu schreiben: „Kaufen Sie das!“

Auch für Thomas Hütsch, Leiter der Wirtschaftsredaktion Fernsehen beim Hessischen Rundfunk, ist es eine klare redaktionelle Vorgabe, dass es etwa bei der Börsenberichterstattung nicht um konkrete Produkte oder Anlagen gehen könne. Er finde deshalb auch, dass es keinen Grund gebe, Asche aufs eigene Haupt zu streuen. „Ich glaube, dass der Nutzwertjournalismus am wenigsten versagt hat“, so Hütsch. Das Problem der Fernsehmacher sei eher, dass sie nicht „an die großen makroökonomischen Themen herangegangen sind“ oder hinein in die Banken, um deren Strukturen zu zeigen.

Uwe Möller, Leiter der Programmgruppe Wirtschaft beim WDR Hörfunk, stimmte seinen Vorrednern zu: Man habe sich nicht um konkrete Anlagen gekümmert, sondern um die Grundlagen. Da nur jeder siebte Deutsche überhaupt Aktien habe, gehe es um ganz andere Dinge, um die grundsätzlichen Zusammenhänge. „Wer Aktien kauft, der muss einen Totalverlust einkalkulieren“ oder „Wer einen Kredit von der Bank kriegt, ist nicht unbedingt kreditwürdig“, das seien die eigenen Themen, so Möller. Der WDR habe zum Beispiel sehr früh kritisch über den Einlagensicherungsfonds berichtet und wie viel bzw. wie wenig Geld da überhaupt drin sei.

Die Selbstkritik Möllers wurzelt eher in der ferneren Vergangenheit. So habe man Ende der 90er Jahre dem Wunsch der Zuschauer nach Geheimtipps an der Börse nachgegeben und „hier und da“ solche konkreten Hinweise gegeben. „Das war ein Fehler“, so Möller.

Der einzige, der seine Aufgabe darin sieht, genau solche konkreten Tipps zu geben, war Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von „Finanztest“. Er wolle den Lesern, die Geld haben, sagen, wo sie das vernünftig anlegen können. Und denen, die einen Kredit brauchen, wolle er erklären, wo sie den günstig bekommen. Innerhalb der Zeitschrift habe es eine lange Debatte über die eigene Zertifikate-Berichterstattung gegeben – warum es nicht gelungen sei, den Lesern das Thema nahezubringen. Das Problem war, dass Leseranalysen zufolge das Thema die „Finanztest“-Käufer gar nicht interessiert hat. „In der Analyse kommt man zum Ergebnis, dass Zertifikate ein reiner Verkäufermarkt waren“, sagte Tenhagen.
In der Diskussion räumte Zedler ein, dass die Abhängigkeit von Anzeigen ein „Grundproblem des Magazinsektors“ sei. So gebe es Beispiele, „wo die Anzeigensau durch das Blatt getrieben wird“, also im Gegenzug für Werbung auch das Produkt besprochen wurde. „Das hat bei uns nicht stattgefunden“, betonte Zedler jedoch. In Bezug auf die Krise wollte er insgesamt „eine Lanze für unsere Branche brechen“. Es habe für die Redaktionen keine Chance gegeben, wirklich tiefer zu blicken. „Wir haben uns auf die Rating-Agenturen verlassen“, so Zedler.

Auch Tenhagen sagte, er glaube, „dass wir unseren Job gut gemacht haben“. Schon 2005 habe man zum Beispiel in der „Financial Times“ alles über die Depfa lesen können. Die Frage sei, was kann man tun, damit die Leute den Zusammenhang von Risiko und Rendite besser verstehen? Es sei wichtig, den Leuten zu verstehen zu geben, dass ihnen in der Bank ein Verkäufer gegenüber sitzt, genauso wie bei H&M, kein Berater.

Hagelüken sagte, er sehe keine Chance, den Lesern Informationen auf Basis von einzelnen Produkten zu geben. Dies sei angesichts der Breite des Angebots allenfalls möglich, „wenn man 100.000 staatlich finanzierte Nutzwertjournalisten hätte“.

Hütsch hob hervor, dass die Leute aber Fragen zu konkreten Produkten stellen würden. Und dabei wollten sie keine grundsätzliche Einschätzung, sondern nur „Top oder Flop“ hören. „Die wollen nicht zuhören, und genau deshalb beantworten wir solche Fragen zu konkreten Produkten nicht“, so Hütsch. Er kritisierte, dass die Kunden, die einen BMW kaufen wollten, sehr gut informiert ins Autohaus gingen. „Aber wenn jemand in die Bank geht, dann weiß er eigentlich gar nichts“, so Hütsch.

Auch Zedler stimmte in die leise Leserkritik ein. So hätte das eigene Blatt lange vor der Krise eine Geschichte gemacht, in der erklärt worden sei, warum isländische Banken so hohe Zinsen zahlen könnten - und in der darauf hingewiesen worden sei, dass das hochriskant ist. „Wir haben uns aber nicht getraut zu sagen: Lasst die Finger davon“, räumte Zedler ein. Nachdem Kaupthing & Co. den Bach runtergegangen sind, sei der Redaktion vorgeworfen worden, dass sie nicht gewarnt hätte. „Wenn wir unserem Anspruch gerecht werden wollen, dann müssen wir wohl Daumen rauf und runter machen“, so Zedler.

Dem widersprach Hagelüken. Wie solle man, nachdem man „Daumen hoch“ gemacht habe, erklären, dass ein Produkt doch Verluste einfahre, etwa weil der Gesamtmarkt runtergeht. „Es reicht doch, wenn ich den Leuten die Vorteile und die Risiken darstelle“, forderte er. Auch Tenhagen warnte vor schlichten „Top oder Flop“-Kategorien. Anlageentscheidungen seien höchst individuell – und was für den einen gut sei, müsse für den anderen nicht unbedingt etwas taugen.

Zedler forderte mehr Mut von Journalisten, nicht nur Kauf-, sondern auch Verkaufsempfehlungen zu geben, etwa bei Aktien. Weil das unterblieben sei, bei Beginn der Krise, „haben wir möglicherweise den Banken gefallen, wie Herr Müller am Vormittag gesagt hat, aber den Lesern nicht“.
 
Aber auch hier herrschte keine Einigkeit. Tenhagen bekräftigte, es sei „vernünftig“ gewesen, den Lesern zu sagen, dass sie ihr Geld nicht von der Bank abholen und unter das Kopfkissen legen sollten. Dort sei es auf jeden Fall nicht besser aufgehoben. Und ob man Aktien verkaufen solle, hänge eben auch vom individuellen Anlagehorizont ab. Wer auf kurzfristige Gewinne aus sei, für den sehe es anders aus als für jemanden, der zehn Jahre lang investiert bleiben wolle.

Auch Möller forderte mehr Mut, und zwar mehr Mut zum Mut, gerade nicht Kauf- und Verkaufsempfehlungen zu geben: „Wir sollten uns diesem Wunsch widersetzen.“

Hütsch berichtete, dass sie jüngst Riester-Beratung in Banken mit versteckter Kamera gefilmt hätten, mit einem verheerenden Ergebnis. „Das ist vielleicht sogar wirksamer, als konkrete Produkte zu empfehlen“, sagte er.

Dagegen mahnte Tenhagen, sich nicht vor kritischer Berichterstattung über Produkte zu drücken, „sonst überlassen wir die Produktberichterstattung alleine den PR-Firmen“. Zudem wolle der Leser solche konkrete Hilfe: „Der Girokonto-Vergleich sorgt in jeder Lokalzeitung für Lesestoff“, so Tenhagen.

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"Die neuen Redaktionsmodelle - Umbau oder Abbau?"

Am Nachmittag ging es um die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Journalisten selbst. Große Verlage wie die WAZ-Gruppe oder Gruner&Jahr führen derzeit neue Redaktionsmodelle ein, um auf den Kostendruck zu reagieren. Andere, wie Springer bei „Welt“ und „Berliner Morgenpost“, haben Umbaumaßnahmen bereits hinter sich. Ob es dabei eher um Personalabbau geht oder um eine Qualitätsoffensive, das war das Thema der Podiumsrunde.

Sven-Oliver Clausen, stellvertretender Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“, stellte zunächst die Pläne bei der Gruner&Jahr Wirtschaftspresse vor. „Wir stärken das, was uns wichtig ist: Recherchepower“, sagte Clausen zum Beginn. Grundsätzlich sei der „große Trend“ intakt, die Einzelverkaufszahlen gingen hoch. „Die Leute wollen wissen, was die Welt zusammenhält“, stellte Clausen fest. Er kritisierte aber, „dass wir uns bei den Inhalten kannibalisieren“. Es werde abgeschrieben, Copyrights würden verletzt, immer weniger Kollegen recherchierten bei Primärquellen. Unter solchen Bedingungen sei es nicht verwunderlich, dass die Bereitschaft der Kunden abnehme, dafür Geld zu bezahlen. „Das ist nicht die Folge des Internets, sondern ein Qualitätsproblem“, mahnte Clausen.

Dagegen stelle Gruner&Jahr nun eine gestärkte Recherchekraft. „Wir teilen die besten Wirtschaftsjournalisten, die es gibt, in acht Themenressorts ein, und dann schauen wir, was der beste Vertriebskanal dafür ist “, so Clausen. Online, Tageszeitung, Wochenmagazin („Börse online“) oder Monatsmagazin („Capital“, „Impulse“) stünden dabei zur Verfügung. Es werde „ein barrierefreies Brainstorming gepflegt“. Wenn dabei herauskomme, dass ein von der „Capital“-Konferenz erdachtes Thema woanders besser aufgehoben sei, weil es schneller in die Welt müsse, dann lande es eben Online oder in der „Financial Times Deutschland“.

„Wir machen das zwar erst seit Anfang März, aber es läuft sehr gut an“, so Clausen.

Jörg Eigendorf, Ressortleiter Wirtschaft & Finanzen & Immobilien bei der Welt-Gruppe, stellte zum Eingang fest, er beneide die Kollegen von Gruner&Jahr nicht, „denn vieles von dem, was sie vorhaben, haben wir in den vergangenen acht Jahren hinter uns gebracht“. Allerdings seien die Gruner&Jahr-Pläne „noch ambitionierter“.

Eigendorf griff zu einem Beispiel: Intel habe in den 90er Jahren eine schwere Krise durchlebt und sich von 90 Prozent der Produktion verabschiedet - und sei damit sehr erfolgreich gewesen. Und er zitierte den Finanzinvestor David Montgomery, der mit der „Berliner Zeitung“ gerade kein glückliches Händchen gehabt hat: „Moderne Journalisten müssen ihre Inhalte mehrfach verwerten.“

Die derzeitige Lage sei geprägt von Auflagen, die unter Druck gerieten, auch weil es ein völlig neues Leseverhalten von junge Leuten gebe, die praktisch keine Zeitung mehr lesen würden. Zudem gebe es „heftige Anzeigenbewegungen hin zu Online“ - und dazu jetzt noch die Wirtschaftskrise. „Das zwingt uns zum Handeln“, so Eigendorf. Dabei gebe es die Alternativen, einfach nur die Kosten zu senken und sich gesund zu schrumpfen, oder aber „neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“.

„Für uns war die Antwort: Konsolidierung und Kosten sparen ist nicht die Lösung, aber es verschafft Zeit, um neue Modelle zu entwickeln“, so Eigendorf. Als Journalist reiche es nicht, nur gute Geschichten zu machen, sondern man müsse auch an Geschäftsmodelle denken.

Das Ergebnis bei der Welt-Gruppe sei mit „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ nun „die erste skalierbare Zeitungs- und Online-Redaktion“, so Eigendorf. Es gebe eine Redaktion, aus der heraus viele Produkte bestückt würden („Welt“, „Welt am Sonntag“, „Welt kompakt“, „Welt online“, „Berliner Morgenpost“, „Berliner Morgenpost online“). Problemlos könnten noch weitere zehn Regionalzeitungen dazu kommen, das wäre sogar effizient.

2001 seien dazu „Welt“ und „Morgenpost“ zusammen gelegt worden, 2004 sei „Welt kompakt“ dazu gekommen. Im Frühjahr 2006 sei die Devise „online first“ ausgegeben worden, im Januar 2009 wurde der Print- und Online-Bereich fusioniert. Das Ergebnis sei, allen Unkenrufen zum Trotz: „2008 sind wir erstmals profitabel gewesen“, so Eigendorf. Und zwar nicht durch Verzicht auf Qualität. „Unser Ressort hat so viele Preise gewonnen wie noch nie zuvor.“ Es sei letztendlich eine Qualitätssteigerung erzielt worden.

Eigendorf forderte, dass Journalisten „in Wertschöpfungsketten denken“ müssten und sich nicht als Künstler sehen sollten. Es gebe so bei der Welt-Gruppe eine strenge Trennung zwischen News und Editing. Gleichzeitig brauche es aber „Objektverantwortliche auf der Blattmacherseite“ sowie „übergeordnete Kontrollinstanzen“ mit Entscheidungsbefugnis, damit die Journalisten im Reporter-Pool „nicht in den Wahnsinn getrieben werden“, wenn sie für sechs verschiedene Produkte arbeiten sollen.

Synergien ließen sich zum Beispiel dadurch erzielen, dass nun ein Kollege an einem Tag viermal den Daimler-Text redigiere, für zwei Print-Produkte und zweimal Online. Früher hätten das vier verschiedene Leute tun müssen, die sich jeweils neu hätten in den Stoff einlesen müssen. Eine so simple Idee, sagte Eigendorf, dass der Betriebsrat gefragt habe: „Warum habt ihr das nicht schon immer so gemacht?“ Das Ergebnis sei, das früher für „Welt“ und „Morgenpost“ 13,61 Mann für die Produktion als Blattmacher benötigt worden seien, jetzt seien es für vier Titel nur 17, und künftig zusammen mit Online „vielleicht 21“. Allerdings habe er Zweifel, ob solche Synergien bei Gruner&Jahr möglich seien. „Einen FTD-Blattmacher kann man nicht mal eben Capital machen lassen.“

Weitere Synergien entstünden, weil sich die Reporter im Reporter-Pool nicht mehr als „Welt“- oder „Morgenpost“-Reporter verstünden, sondern „in Inhalten denken“. Sie könnten entscheiden, ob das Thema als Exklusiv-Nachricht, Kommentar, Porträt/Feature oder Reportage bearbeitet wird, „über das Objekt, wo es erscheint, entscheiden wir“, so Eigendorf. Dadurch „haben wir keinen Stehsatz mehr“, sagte er: „Was wir nicht in der Welt am Sonntag machen, machen wir eben in der Welt.“

Aus Eigendorfs Sicht „führt kein Weg an einer modernen Redaktionsumstrukturierung herum“. Hätte es die bei der „Welt“ nicht gegeben, dann wäre sie jetzt nicht mehr da. „Wir können verharren und untergehen oder neu denken“, so Eigendorf. Bei der Welt-Gruppe sei kein Personal abgebaut worden. „Und das Ergebnis ist keine Produktionsfabrik und nicht unkreativ“, stellte er fest.

Bernd Ziesemer, Chefredakteur des „Handelsblatt“, kündigte an, er werde seinen Beitrag heute in der Stilform einer Polemik vorbringen, die in zehn Punkte gegliedert sei.
1. Er sei ein „hoffnungsloser Anhänger der Trennung von Redaktion und Anzeigengeschäft“. Die redaktionelle Unabhängigkeit sei in der derzeitigen Krise allerdings akut gefährdet. Als Journalisten „sollten wir daher alle Modelle danach abklopfen, ob sie Unabhängigkeit und damit Qualitätsjournalismus stärken“, forderte Ziesemer.

2. „Zu viele Verlagsmanager gebärden sich so, als ob sie Chefredakteure wären. Und zu viele Chefredakteure tun so, als ob sie Verlagsmanager wären“, stellte Ziesemer fest. Manche Chefredakteure würden sich sogar Redaktionsmanager nennen. Ziesemer: „Ich finde das zum Kotzen.“ Das Geschäft der Wirtschaftsjournalisten seien Scoops, Leitartikel, spannende Reportagen. „Warum reden wir zu wenig auf solchen Veranstaltungen über unser Kerngeschäft?“, fragte er – und räumte ein, das in der Vergangenheit auch getan zu haben. „Ich habe gesündigt, aber ich werde ab heute damit aufhören“, versprach Ziesemer.
 
3. Einige „junge Verlagsmanager“ und „einige Unternehmensberater, die sich derzeit in den Verlagen tummeln“, würden bei ihm „einen Würgereiz auslösen“, so Ziesemers dritter Punkt. Unter ihnen seien „zu viele kulturelle Analphabeten, die längst keine Zeitung mehr lesen, aber uns erklären wollen, wie man eine Zeitung macht“, stellte er fest. Als beim „Handelsblatt“ kürzlich Berater gesucht worden seien, seien etliche der Powerpoint-Präsentationen von Firmen, die sich dafür bewarben, in ihrer „intellektuellen Dumpfheit, betriebswirtschaftlichen Vordergründigkeit und moralischen Impertinenz“ nicht mehr zu überbieten gewesen. Journalisten in einigen Verlagen seien dabei, ihren Berufsstolz zu verlieren und sich nur noch als Lückenfüllproduzenten am Band zu verstehen, um Anzeigenlücken zu füllen. „Der Vorgang bei Gruner&Jahr erfüllt mich mit Zorn und Scham“, so Ziesemer.

4. Es gebe in Printmedien eine „komische Mischung aus Bullshitting und Masochismus“, so Ziesemer. Das Bullshitting sei, bei den eigenen Marken jede Sparmaßnahme „als verlegerische Großtat zu verkaufen“, statt sie als das zu benennen, was sie seien: Sparmaßnahmen. Der Masochismus drücke sich etwa in einem Artikel im „Wirtschaftsjournalist“ aus, in dem es hieß, es gebe keine Branche, die so konservativ und innovationsfeindlich sei wie die Medienbranche. „Ach Quatsch“, so Ziesemer. Das Problem gehe „von ganzseitigen Werbepostern auf Seite 1“ aus. „Wer soll die Zeitung kaufen wenn sie aussieht wie Waschmittelwerbung?“, fragte Ziesemer. Und was die Krise angehe, so sei zwischen 1990 und September 2008 die Auflage des „Wallstreet Journal“ nicht gefallen, sondern um 6,6 Prozent gestiegen. Und das obwohl, oder gerade weil, die Zeitung den einzigen kostenpflichtigen Internetauftritt einer Tageszeitung weltweit betreibe.

5. Eine „besondere Kategorie von Dummschwätzern“ finde sich unter den Medien-Bloggern, klagte Ziesemer, die versuchten „ein paar lousy Pennys zu verdienen, dabei aber nicht mal auf Hartz-IV-Regelsatz kommen“. Diese würden dennoch den Journalisten täglich empfehlen, ihre Printprodukte einzustampfen und nur noch auf Online zu setzen - obwohl dort offenbar nicht so viel Geld zu verdienen sei.

6. Es sei ihm „vollkommen unerfindlich, warum sich einige Chefredakteure in Deutschland an diesem Dauergeschwätz beteiligen“, so Ziesemer. So habe FTD-Chefredakteur Steffen Klusmann jüngst in der FAZ gesagt, „die Zeitung werde in fünf Jahren vom iPhone gekillt“. Nur, warum habe er nicht sieben oder acht Jahre gesagt, fragt Ziesemer, und gibt sich selbst die Antwort: „Weil der Prognosewert gegen Null geht.“ Wenn Klusmann daran glaube, dann solle er sich „mal schnell bei iPhone bewerben“. Allerdings habe derselbe Klusmann auch 2005 gesagt, die FTD werde das „Handelsblatt“ „schon bald“ überholen. Das erinnere ihn an einen Daihatsu-Fahrer, so Ziesemer, der bei einem Kilometer Abstand auf der Autobahn den BMW-Fahrer mit seiner Lichthupe erschrecken wolle. Das „Handelsblatt“ habe heute eine Auflage von 150.000, die FTD 100.000 – der Abstand gelte seit fast drei Jahren. „Soweit zur Prognostik“, so Ziesemer.

7. Es sei ja bisher ein ungeschriebenes Gesetz gewesen, sich auf solchen Veranstaltungen nicht gegenseitig zu kritisieren. „Davon weiche ich heute leicht ab“, so Ziesemer. Der Grund sei ein Zorn, den er sich in 30 Jahren als Journalist erworben habe. Eine Einheitsredaktion für fünf Titel zu bilden erinnere ihn an einen Satz Lech Walesas, der über den Sozialismus gesagt habe, es sei leicht, aus einem Aquarium eine Fischsuppe zu machen, aber sehr schwer, aus Fischsuppe ein Aquarium. „Klusmann sollte aufhören, uns allen seine Fischgruppe als Rezept zu verkaufen“, forderte Ziesemer. Er solle ruhig machen, was er wolle, aber es sei „intellektuell unredlich“, ständig zu behaupten, alle anderen würden das auch tun.

8. Ein Problem sei, dass „die Kollegen, die über Medien schreiben, mit wenigen Ausnahmen das Langzeitgedächtnis einer Ameise haben“. Sie würden „den Bullshit, den Verlage präsentieren, eins zu eins runterschreiben“, so Ziesemer. Stattdessen sollten sie lieber mal ins Archiv schauen, was in der Vergangenheit gesagt und getan wurde. „Medienjournalismus ist leider weitgehend recherchefreie Zone“, so Ziesemer. Hörensagen werde als Faktum präsentiert. Er habe in 15 Blättern gelesen, was angeblich beim „Handelsblatt“ vor sich gehe, nur ein Journalist habe ihn angerufen und ein weiterer eine Mail geschickt.

9. Das Herz der Zeitung sei „Recherche und Qualität“, zitierte Ziesemer die Professorin Miriam Meckel aus einem Beitrag in der FAZ. Dafür brauche man keinen Newsroom, sondern Schreiber, die über eine Welt berichteten, die man nicht im Internet finde.

10. Das sei vielleicht eine „sehr konservative, fast altmodische Sichtweise“, die Meckel äußere, räumte Ziesemer ein, aber „ich teile sie“. Es gebe aber auch Verleger und Verlagsmanager, die das täten.

Ulrich Reitz, Chefredakteur der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, sagte, er könne seinen Vorredner „nur beglückwünschen“, etwa 70 bis 80 Prozent des Gesagten seien „einfach richtig“. Bei der WAZ-Gruppe sei es so gewesen, dass die Verlagsmanager gesagt hätten, wir müssen sparen. „Das sind verflucht schlechte Nachrichten, verbunden mit Abbau von Personal“, so Reitz. „Eine Scheißbotschaft für junge Leute.“ Er sei schließlich selbst Vater von fünf Kindern.

Man müsse sich aber fragen, ob die Umsetzung eines solchen Sparbeschlusses lieber Beratern und Controllern überlassen werden solle oder doch Journalisten. „Wir als Chefredakteure hatten die Vorgabe, eine bestimmte Summe zu sparen“, so Reitz. Aber man habe es dann selbst umsetzen dürfen, wobei man sich „ein Stückweit in die Manager-Rolle begeben und das Vokabular annehmen“ müsse, sagte er mit Blick auf Ziesemers Kritik.

„Die Magie der Tageszeitung ist Überraschung: Sie wollen Barack Obama lesen und lesen am Ende doch eine Geschichte, wie ein Zirkusunternehmen als Wirtschaftsunternehmen funktioniert“, beschrieb Reitz sein Bild vom Journalismus. Wenn Journalisten die Umgestaltung im Zuge der Sparmaßnahmen übernähmen, so bestehe die Chance, dass am Ende doch guter Journalismus herauskomme. Aus dem Grund habe er sich entschieden, nicht in die Geschäftsführung zu wechseln, sondern Chefredakteur zu bleiben.

Ausdrücklich betonte Reitz, dass er „die Empörung über Medienjournalisten teilen kann“. Besonders bei Bloggern, die „im Schutz der Dunkelheit“ agierten, gebe es eine Unmenge an Diffamierung. Zugleich sei diese Erfahrung auch eine „gute Nachricht“, so Reitz: Das zeige, „es gibt keine Alternative zum recherchierten Qualitätsjournalismus“.

Nach Meinung von Reitz gibt es keinen Königsweg für die Verlage aus der Krise. Bei der WAZ-Gruppe sei es leichter als in anderen Verlagen, da Zeitungen desselben Typs, nämlich Regionalzeitungen, zusammenarbeiten müssten. Jede Zeitung behalte dabei ihre Marke und es werde auf die Geschichte der einzelnen Blätter Rücksicht genommen. Jede behalte eine eigene Titelredaktion, aber es werde zentral von einer Mantelredaktion für die einzelnen Titel zugeliefert.

Dadurch ergebe sich sogar ein Qualitätsvorteil. Die NRZ bekomme die Möglichkeit, „am Niederrhein gegen die Rheinische Post richtig Gas zu geben“, kündigte Reitz an. Künftig gebe es zwei oder drei Reporter, die sich „in dieser Kampfzone bewegen“ und tiefgehend recherchieren könnten. Unter den normalen Bedingungen, wegen dünner Personaldecke und dem Tagesgeschäft, sei investigative Recherche bei Regionalzeitungen nur schwer zu ermöglichen. „Wir machen das Experiment und gönnen uns sechs, sieben Leute in einem Reporterpool, die nichts anderes machen, als Geschichten zu recherchieren“, so Reitz. Im Gegenzug würden nebeneinander bestehende Vollredaktionen aufgelöst.

Ein weiterer Schritt: Allein in der WAZ-Gruppe gebe es 80 Lokaltitel, in denen bisher Lokalredakteure fast alles hätten machen müssen, von der Recherche über die Produktion bis zur Pflege des Terminplans. „Wir trennen das, künftig gibt es Recherche auf der einen Seite, Produktion auf der anderen Seite“, so Reitz: „Wir wollen dadurch mehr Storys haben.“ Gleichzeitig werde es, was selten in Regionalzeitungen sei, eine intensive Verzahnung mit dem Online-Bereich geben.

In der anschließenden Diskussionsrunde, die von Ralf-Dieter Brunowsky, Vorsitzender der Kölner Journalistenschule, moderiert wurde, betonte Eigendorf, der Journalist müsse dem Verlagsmanager beweisen, dass er rechnen könne – nur so schaffe er sich die notwendigen Freiräume für journalistische Entscheidungen. Ein Vorteil des neuen Modells sei doch, dass früher ein Bankenreporter der „Welt“ und einer der „Welt am Sonntag“ innerhalb von fünf Minuten bei derselben Person angerufen hätten. „Es ist doch viel besser, wenn die zusammenarbeiten“, so Eigendorf.
Reitz hob hervor, dass viele Redakteure „happy sind, weil sie jetzt etwas Neues bei uns machen können“. Es gebe in Verlagsgeschäftsführerkreisen eine Benchmarkgröße von 17 Redakteuren für die Mantelredaktion einer Regionalzeitung. „Das kann man machen, aber dann reden wir nicht mehr über Storys“, so Reitz. Er gehe davon aus, dass sich die Landschaft teilen werde in die, die nur eine Zeitung haben, und womöglich in die journalistische Krise rauschten, und in die, die mit mehreren Zeitungen neue Wege gehen können. „Die neuen Modelle sind ein Versuch, Qualitätsjournalismus über die Krise hinweg zu retten und vielleicht auch neu zu definieren“, so Reitz.

Ziesemer forderte noch einmal, man solle nicht glauben, „dass wir jetzt alle in die gleiche Richtung laufen müssen“. Es habe bei Regionalzeitungen immer das Problem gegeben, dass einzelne Titel nicht überlebensfähig seien. Was die WAZ mache, unterscheide sich aus seiner Sicht gar nicht so sehr von der „guten alten Mantelredaktion“. Er finde es sogar gut, wenn man unter Spardruck die Frage stelle, ob man lieber auf eine Nachrichtenagentur oder auf zehn Reporter verzichten solle. Es werde künftig für Medien wichtiger werden, eigene Autoren zu haben. „Viele Regionalzeitungen haben in den vergangenen Jahren mit diesem Pfund nicht gewuchert“, so Ziesemer, es gebe viele regionale Blätter, „die gar keine Autoren besitzen, die einen Namen in der Region haben“. Es falle ihm auch schwer sich vorzustellen, dass bei Gruner&Jahr künftig ein solcher Autoren-Name für vier verschiedene Titel stehen solle.

Dem widersprach Clausen. Es werde weiter Autoren – etwa Kolumnisten – geben, die nur für „Capital“ oder die FTD schreiben.

Nach Ansicht von Reitz werden sich vor allem die kleineren Titel in der WAZ-Gruppe unter den neuen Bedingungen sogar qualitativ verbessern. So habe die NRZ bislang nur eine halbe Korrespondentenstelle in Berlin gehabt, die WAZ aber drei. Jetzt seien es zusammen 4,5 Leute, die sich absprechen könnten und so auch einen „ganz anderen Tiefgang“ erzielen würden.

Dagegen gab Clausen zu, dass man gerne die vier Titel nebeneinander hätte stehen lassen. „Dass viele Kollegen ihren Job verloren haben, ist zum Heulen“, so Clausen. Er gehe aber davon aus, dass es „keine Einheitssuppe“ gebe, weil dafür die einzelnen Chefredakteure einstünden.

Eigendorf wollte die neuen Modelle nicht als reines Spardiktat verstanden wissen. „Für Journalismus gilt, was für andere Unternehmen auch gilt: Wenn man seine Abläufe besser strukturiert, dann hat man auch mehr Zeit zum Denken“, hob er hervor.

Ziesemer zeigte sich nachdenklich. Er wisse nicht, ob er seinen erwachsenen Kindern raten solle, sich einen Job in den Medien zu suchen. Die Formulierung „beliebig skalierbar“ bei der Welt-Gruppe störe ihn. Es gebe schon eine „beliebig skalierbare“ Redaktion in Deutschland, „und die heißt dpa“, so Ziesemer.

Moderator Brunowsky schloss die Runde damit, dass die Krise vielleicht eine Chance biete, den Journalistenberuf neu zu entwickeln. „Die Formulierung von der Magie der Überraschung gefällt mir“, stellte er fest. Schon heute gebe es Tage, an denen viele Zeitungen die gleiche Aufmachung hätten. „Wenn durch neue Modelle beste Journalisten mehr Freiräume haben, dann kann das vielleicht sogar den Qualitätsschub geben“, so Brunowsky.

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Bemerkungen zur Kultur der Krise

Kerstin Kohlenberg, stellvertretende Ressortleiterin Dossier bei der „Zeit“, reflektierte sehr persönlich über die Krise – und den Zusammenhang von US-Hypothekenmarkt und Lehman-Zertifikaten in Deutschland.

Ein Jahr lang hatte sie in den USA Gelegenheit, die Krise zu verfolgen und dabei mit vielen Leuten zu sprechen. So konnte sie sich am Anfang keinen „Reim darauf machen, warum so viele Amerikaner das Geschwisterpaar Risiko und Rendite trennen wollten“. Etwa ihr Hausmeister, der 25.000 Dollar Schulden auf seiner Kreditkarte hatte. Oder eine Frau, die zuvor ohne Einkommen in einer Sozialwohnung lebte, aber auf Pump acht Wohnungen gekauft hatte. Bis die Blase platzte und sie wieder alles verlor. „Sie hatte sich auf etwas eingelassen, wovon sie überhaupt nichts verstand“, so Kohlenberg.

Zurück in Deutschland erhielt sie selbst im Zug von Berlin nach Hamburg einen Anruf von einem Herrn Pohlmann, ihrem Anlageberater bei der Citibank. Der wollte mit ihr über ihre Lehman-Zertifikate sprechen. Sie versuchte zu rekonstruieren, wie sie an die Zertifikate, von denen sie nichts gewusst hatte, gekommen war. Da hatte es Anfang 2007 einen Anruf von der Bank gegeben: Es habe einen Wechsel an der Spitze ihres Fonds gegeben und es sei besser, den zu verkaufen. „Mir kam es nicht in den Sinn, dass die Bank das vielleicht nur sagt, um einen neuen Fonds mit Provision zu verkaufen“, gibt Kohlenberg zu. Sie habe jemanden gewollt, der ihr sagt, was sie mit dem Geld machen soll, ohne sich selbst damit beschäftigen zu müssen. Sie habe ein bisschen im Internet recherchiert und sich gegen einen bestimmten Immobilienfonds entschieden, aber dann sei ihr Ehrgeiz auch erlahmt. „Man muss doch auch nicht alles verstehen, bei einer Gehirnoperation oder beim Autokauf muss man auch nicht alles wissen“, schilderte Kohlenberg ihre damaligen Überlegungen. Sie folgte dem Rat des Bankmanagers.

Doch „was unterscheidet mich von der Frau mit den acht Wohnungen?“. Die habe auch etwas unterschrieben, was sie überhaupt nicht verstand. Das Problem sei, dass Warner in Wachstumsphasen wie Spielverderber klängen - und niemand wolle ein Spielverderber sein. „Wenn alle das Falsche machen, dann wird das Falsche naturgegeben“, so Kohlenberg: „Es gehört zum Kapitalismus, niemand hätte es anders machen können.“ Wenn sich aber einer gegen eine Massenmeinung stelle und scheitere, dann sei er der einzige, der abstürzt. „Das ist schwerer zu ertragen“, stellte Kohlenberg fest. Obwohl ihr Ende 2007 und Anfang 2008 bei den Recherchen viele Fachleute gesagt hätten, dass die Krise noch längst nicht am Ende sei, habe sie wohl aus diesen Gründen auch ihre Papiere behalten: „Nur nicht zu früh aussteigen.“

Aber wie solle man aus der Krise lernen, wenn sie als unvermeidlich dargestellt wird, fragt Kohlenberg. Wichtig sei doch, falsches Verhalten zu bestrafen. Ein guter Wirtschaftsjournalismus müsse ihrer Meinung nach da ansetzen und „Kultur und Bedingungen, die zur Krise führten, in Erinnerung halten“.

Denn mit der Erinnerung sei das so eine Sache, wie sie mit einer weiteren Episode schilderte. Nachdem das Lehman-Geld weg gewesen sei, konnte sie nur durch einen Zufall einem weiteren Desaster entgehen. Sie hatte sich nämlich, wie sie berichtete, vorgenommen, das restliche Geld nun sicher anzulegen. Auf einem Festgeldkonto. Bei einer dieser isländischen Banken, die so hohe Zinsen zahlen. „Zum Glück war die Krise schneller – und bevor ich das Geld überweisen konnte, war die Kaupthing-Bank schon pleite.“

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Wirtschaft, Krise, Medien – Helmut Schmidt im Gespräch

Zum Abschluss des Wirtschaftsjournalisten-Tages gab es ein Interview mit Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der von Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei der Axel Springer AG, und der Journalistenschülerin Linda Wurster befragt wurde.

Der Alt-Bundeskanzler, der nach dreimaliger Anrede mit seinem Titel erst einmal darauf hinwies, „ich heiße Schmidt“, malte ein düsteres Bild der Weltkonjunktur. Die aktuelle Krise sei „genauso ernst wie die Krise 1929/30“. Wie lange sie dauern werde, darüber könne man hingegen lange philosophieren. „Ich bin kein Wetterfrosch“, wies Schmidt jeden Versuch, ihm eine konkrete Prognose zu entlocken, zurück. Niemand könne vorhersehen, wie andere Regierungen - etwa in Peking – sich verhalten würden. In einem war Schmidt sich jedoch sicher: US-Präsident „Obama steht mit seinem Optimismus sehr alleine“.

Verweise auf historische Untersuchungen, nach denen bislang Rezessionen im Schnitt zwei bis zweieinhalb Jahre gedauert hätten, wischte Schmidt vom Tisch: „Mit dem 19. Jahrhundert ist das nicht vergleichbar.“ Damals habe man es mit abgeschotteten Nationalstaaten zu tun gehabt, Chinesen und Russen hätten keine Rolle gespielt, genauso wenig habe es eine Opec gegeben. „Heute haben wir es mit einer globalen Wirtschaft zu tun, das ist auch neu gegenüber 1929/30“, so Schmidt.

Die Frage, ob die derzeitige Medienkrise auch auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen sei, verneinte Schmidt. Es gebe keine Medienkrise, sondern nur „eine Krise der Zeitungen“. Diese habe vor allem mit dem Siegeszug des Fernsehens und des Online-Bereichs zu tun. Für Deutschland erwarte er, was die Zeitungen angeht, eine ähnliche Entwicklung wie in den USA.

Dabei sei die Berichterstattung der Zeitungen über die Weltwirtschaftskrise „in Ordnung“, so Schmidt, aber „die Kommentierung ist sehr vorsichtig“. Es gebe zu wenig kritische Kommentierung der verschiedenen Programme, die die Regierungen jetzt als Reaktion auf den Abschwung beschlossen haben. So seien die vielen „sozialpolitischen Wohltaten“ in den Programmen zwar nötig, um sie durch das Parlament zu bekommen, aber sie hätten wenig Wirkung auf die Konjunktur. „Der deutsche Wirtschaftsjournalismus macht es dem Leser nicht leicht, sich ein eigenes Urteil zu bilden“, kritisierte der Alt-Kanzler. Vermutlich liege das daran, dass die Journalisten selbst keinen ausreichenden Überblick hätten, etwa darüber, was in Saudi-Arabien, Russland oder China passiere. Gerade unter den älteren Journalisten gebe es immer noch viele, die als Nationalökonomen dächten. „Aber die deutsche Exportquote ist bei 47 Prozent angelangt, und da tun viele so, als ob die Krise mit eigenen Mitteln zu lösen sei“, beklagte Schmidt.

Er würde gerne einmal einen Vergleich der aktuellen Krise mit der von 1929/30 lesen, gestand Schmidt. Es sei interessant zu erfahren, warum die Konjunkturpolitik von Schacht und Hitler funktioniert habe, Roosevelts „New Deal“ bis zum Eintritt der USA in den Weltkrieg eigentlich jedoch nicht. „Das setzt aber voraus, dass sich jemand auf den Hintern setzt und arbeitet, das schüttelt man nicht aus dem Arm“, so Schmidt. Man werde dabei wohl feststellen, dass die Schacht/Hitler-Maßnahmen nur wirksam gewesen seien, weil Deutschland von den Weltmärkten praktisch komplett abgeschottet gewesen war.

Heute sei die Lage ganz anders, „man kann nur gemeinsam handeln“, so Schmidt. Dies sei erstmals im Spätsommer 1973 sichtbar geworden, als die Opec den Ölpreis künstlich in die Höhe getrieben hatte. „Damals wurde deutlich, dass auf der Welt die Gefahr bestand, dass Geld für die hohen Preise einfach gedruckt wird“, erinnerte sich Schmidt. Daraus entstand der deutsch-französische Vorschlag eines Weltwirtschaftsgipfels, um gemeinsam etwas zu tun. Aus den ursprünglich sieben seien zum Glück inzwischen 20 Teilnehmerstaaten geworden, weil man „endlich begriffen hat“, so Schmidt, dass es ohne Länder wie China, Russland, Indien oder Mexiko nicht geht. „Man kann auch nicht ohne den islamischen Teil der Weltbevölkerung mit der Krise fertig werden“, betonte Schmidt.

Die Frage, ob das nun das „Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“ sei, konterte Schmidt mit einer Gegenfrage: „Ich kenne den Kapitalismus gar nicht, woher kennen Sie ihn?“ Deutschland sei kein kapitalistisches Land, sondern ein Wohlfahrtsstaat. Von 80 Millionen Einwohnern lebe ein Viertel von staatlichen Renten oder Hilfen. Das sei auch gut so. „Die Entwicklung des Sozialstaates ist die größte kulturelle Entwicklung der Europäer im 20. Jahrhundert, die sonst viel Schlimmes angerichtet haben“, lobte Schmidt. Dass dies jetzt auf Osteuropa übertragen werde, sei sehr wichtig für die Demokratie.

Schmidt kritisierte die fehlende Initiative der Europäischen Union in der Krise. „Ich habe keine Kritik an der EZB, aber an den Außenministern der vergangenen 20 Jahre“, sagte er. Es gelte immer noch das Prinzip der Einstimmigkeit, aber das könne nicht funktionieren. „27 Kommissare in Brüssel“, so Schmidt, „stellen Sie sich mal das 'Handelsblatt' mit 27 gleichberechtigten Chefredakteuren vor.“ Die Krise sei die erste Krise der globalisierten Wirtschaft, aber es gebe niemanden, der als Fürsprecher einer gemeinsamen EU stehe. Er sehe derzeit auch keine charismatische Persönlichkeit, die angesichts der institutionellen Probleme die Lücke füllen könnte. Das sei aber nicht nur schlimm, denn auch jemand wie Hitler wäre ohne seine charismatische Begabung nie so weit gekommen. „Ich bin nicht begeistert, wenn wir charismatische Führer an der Spitze von Staaten haben“, so Schmidt.

„Zum Kotzen“ finde er, dass politische Debatten zunehmend vom Bundestag in Talkshows verlagert würden. Er sei noch nie in einer Talkshow gewesen und er werde da auch nicht hingehen. „Sie sind nicht geeignet, einen Gedanken vernünftig zu Ende zu führen“, so Schmidt. Er kritisierte auch den Versuch aus Unionskreisen, die Ablösung des ZDF-Chefredakteurs zu betreiben. „Das kommt mir verdächtig vor“, so Schmidt. Parteipolitik solle aus den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten herausgehalten werden. Und Inhaber von politischen Ämtern sollten nicht in den Fernsehräten sitzen.

Die Frage, ob in der Krise nicht ein Volkswirt als Bundeswirtschaftsminister besser wäre, verneinte der Alt-Kanzler. Das Amt des Wirtschaftsministers habe seit den 70er Jahren mit dem Wegfall von Außenwirtschaftspolitik und Finanzpolitik an Bedeutung verloren. „Seit 20 Jahren ist das ein Minister zur Messeeröffnung und zu Reden zum 25. Firmenjubiläum - und für Grundsätze“, stellte Schmidt fest. Er kenne den aktuellen Amtsinhaber nicht, nur seinen Großvater, aber so oder so, „Möglichkeiten hat er nicht“. Und auch die USA, wo Ex-Banker ins Finanzministerium wechselten, seien da kein Vorbild. „Es sind Leute, die wissen, wovon sie reden, aber es sind keine, die was von Volkswirtschaft verstehen“, so Schmidt. Und es gebe möglicherweise auch Interessenkonflikte. So habe US-Finanzminister Paulson, der von der Investmentbank Goldman-Sachs kam, im vergangenen Jahr „seinen lebenslänglichen Konkurrenten Lehman Brothers Pleite gehen lassen“, so Schmidt, obwohl damit niemand hatte rechnen müssen. „In meinen Augen ein schwerer Fehler, den Herr Paulson gemacht und Bush jr. mit verantwortet hat“, sagte der Alt-Kanzler.

Er selbst, der früher für seine Sekundärtugenden verspottet worden war, vermisse diese nicht rundherum bei den heutigen Managern. „Aber dass eine Reihe von Managern mit ihrem Reibach davonkommen“, das sei schon schwer zu ertragen. Dem letzten SPD-Kanzler, Gerhard Schröder, wollte er dessen Wechsel zu einem ausländischen Unternehmen direkt nach seiner Amtszeit nicht ankreiden. „Das war nicht klug, er hätte besser zwei Jahre warten sollen“, so Schmidt, der zugleich betonte: „Moralisch verwerflich war es nicht.“

Den heutigen Studenten empfahl Schmidt, trotz der Krise nicht einfach länger zu studieren und so den Problemen auf dem Arbeitsmarkt entgehen zu wollen. „Das lange Studieren ist von Übel“, so Schmidt. Er kritisierte die „Ansprüche von Studenten“ und forderte sie auf, den ersten Job anzunehmen, der sich biete, auch wenn er außerhalb des eigentlichen Fachgebietes liegen sollte. Den heutigen Volkswirtschaftsstudenten empfahl er „neben elf oder zwölf weiteren Büchern“ unbedingt die „General Theory“ von John Maynard Keynes zu lesen.

Den Abschluss bildete eine Frage nach einem Bild: „Welches Instrument wäre das heutige Deutschland im internationalen Orchester?“, wollte Linda Wurster wissen. Schmidt stellte nüchtern fest: „Auf jeden Fall keine erste Geige, die ganz bestimmt nicht.“ Er wäre „ganz zufrieden, wenn die Deutschen da wären, wo die Cellisten sitzen“.
Berichterstatter: Andreas Streim, im Auftrag der Kölner Journalistenschule

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